balken

Gesundheits- und Pflegeversorgung im ländlichen Raum - Interview mit Ralf Schmallenbach, Sozial- und Gesundheitsdezernent des Oberbergischen Kreises

Das Regionale Innovationsnetzwerk (RIN) „Gesundes Altern“ engagiert sich gemeinsam mit dem Gesundheitsregion KölnBonn e.V., Ansätze zur Bewältigung der aus der demografischen Entwicklung herrührenden gesellschaftlichen Herausforderungen zu entwickeln und gemeinsam mit seinen Netzwerkpartnern Lösungen zu erarbeiten. Bereits im Jahr 2016 wurde das RIN Gesundes Altern gemeinsam mit dem Oberbergischen Kreis (OBK) als Referenzstandort der Europäischen Innovationspartnerschaft für Aktives und Gesundes Altern anerkannt. Inwiefern das Thema Gesundheits- und Pflegeversorgung besonders im ländlichen Raum eine Rolle spielt, worauf sich die Menschen dort einstellen müssen und wie mögliche Lösungsansätze aussehen können – dazu haben wir mit dem Sozial- und Gesundheitsdezernenten des OBK, Ralf Schmallenbach, gesprochen:

Können Sie sich und den Oberbergischen Kreis kurz vorstellen?
Im Oberbergischen Kreis leben 270.000 Menschen auf einer Fläche von 918m². Er besteht aus 13 Kommunen mit insgesamt 1441 Dörfern. Der Oberbergische Kreis ist von industriellen, mittelständischen Firmen geprägt und hat eine reizvolle Landschaft, in der man Erholung und Aktivitäten finden kann. Talsperren, Wanderwege, Schloss Homburg und natürlich der VfL Gummersbach – meist sind es Assoziationen wie iese, die gerade Menschen von außerhalb mit dem Oberbergischen verbinden. Doch der Kreis kann auch in vielen anderen Bereichen punkten. Etwa als Wirtschaftsstandort hat er viel zu bieten. Zahlreiche Bildungseinrichtungen schaffen hier die Basis, um später auf der Karriereleiter zu klettern. Im Oberbergischen gibt es vielfältige, engagierte Vereine und Institutionen, in denen Menschen sich ehrenamtlich für andere Menschen einsetzen – sei es sportlich, gesellschaftlich oder kulturell. Zwei Talsperren dienen der Trinkwasserversorgung, die übrigen sind beliebte Freizeitziele, malerisch eingebettet in die bucklige Landschaft. Die familiären Strukturen sind vergleichsweise gut. Allerdings liegt in manchen Kommunen bereits heute eine defizitäre Versorgung vor. Aufgrund der demografischen Prognose und eines drohenden Fachkräftemangels in Medizin und Pflege werden sich weitere Lücken in der Versorgung auftun. Eine Stärke des Oberbergischen Kreises ist aber die Eigenschaft, Entwicklungen vorausschauend, aktiv und mit vereinten Kräften anzugehen.

Ralf Schmallenbach,
Sozial- und Gesundheitsdezernent des OBK
(Foto Privat)

Wie sehen Sie die derzeitige Gesundheits- und Pflegeversorgung im Oberbergischen Kreis (OBK)? / Wie ist es um die Gesundheitsversorgung im Kreis bestellt?
Unsere Strukturen sind sehr gut, allerdings nicht verdächtig, an Überversorgung zu leiden. Wir haben ausreichend und qualitativ hochwertige ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen sowie alternative Wohnformen vielfältiger Art. Die Senioren- und Pflegeberatung des OBK ist schon etwas Besonderes. Mit insgesamt 14 Kräften steht ein umfassendes, zugängliches Beratungsangebot bereit. Die Krankenpflegeschule des Klinikums kooperiert mit unserer Akademie für Gesundheitswirtschaft und Senioren, in der Pflegekräfte sowie Notfallsanitäter ausgebildet werden. Der Rettungsdienst ist kommunal organisiert. Das Gesundheitsamt versteht sich als moderne Dienstleistungseinheit für Public Health. In der Gesundheitsversorgung sehen wir erste Lücken in der (haus-) ärztlichen Versorgung und die ärztliche Expertise im Altenheim fehlt. Insbesondere das ambulante System braucht bald Entlastung. Die stationäre Versorgung ist mit vier Häusern an sechs Standorten gut, sie wird auch für die Notfallversorgung in der Fläche gebraucht. Wichtige Einrichtungen wie z.B. Linksherzkathetermessplatz (Waldbröl) und Stroke Unit (Gummersbach) sind vorhanden, aber nicht aus allen Kommunen schnell genug erreichbar. Zwei Reha-Kliniken, die aktuell mit Betten zur neurologischen Frührehabilitation in den Krankenhausplan aufgenommen wurden, runden das Bild ab.

Welche Folgen haben die demografische Entwicklung und der Fachkräftemangel für die Gesundheits- und Pflegeversorgung im OBK?
Wenn wir nichts unternehmen, beschleunigt die Entwicklung die sogenannte Landflucht. Das vorhandene System wird das in der jetzigen Form nicht abfedern können. Das wiederum macht die Region unattraktiver. Die Menschen werden sich dann berechtigte Sorgen um ihre Situation im Alter machen. Wir müssen also insbesondere für junge Menschen und Familien den Verbleib oder die Rückkehr in die Oberbergische Heimat schmackhaft machen.

Worauf müssen sich die Menschen, die in ländlichen Regionen leben und alt werden wollen, einstellen?
Das Thema Krankheit und Altern ist leider noch zu sehr ein Tabu. Wenn dann der Fall eintritt, trifft es viele unvorbereitet. Daher ist es wichtig, dass sich die Menschen mit ihrer individuellen Situation und Zukunft aktiv auseinandersetzen, solange sie dazu noch in der Lage sind. Sie werden sich auch daran gewöhnen müssen, dass nicht immer und überall die Ressourcen vom Arzt bis zur Pflegekraft verfügbar sind. Sie werden sich darauf einstellen, auch per Video-Schaltung mit Medizinern zu sprechen. Auch sollten sie ihre persönliche Gesundheitskompetenz stärken, sich um Vollmachten Gedanken machen und sich an technische Unterstützungsmöglichkeiten herantrauen. Das muss nicht unbedingt der Roboter sein, aber allein ein intelligentes Hausnotrufsystem kann helfen, wenn die nahen Angehörigen nicht mehr mit im Haus leben. Sie sollten vor allem offen dafür sein, ihre Gesundheitsdaten einem Hilfesystem anzuvertrauen. Die meisten Fehler passieren in der analogen Übertragung von Informationen. Die wichtigen Gesundheitsdaten, insbesondere die Medikation, sollten elektronisch zugänglich sein. Sie dürfen an der Stelle keine Angst vor dem sogenannten gläsernen Patienten entwickeln.

Welche Wege und Lösungsmöglichkeiten zur Sicherstellung der Gesundheits- und Pflegeversorgung  im OBK gibt es?
Wir haben am 20. März 2018 gemeinsam mit dem Gesundheitsregion KölnBonn e.V. einen umfassenden Projektantrag beim Innovationsfonds des gemeinsamen Bundesausschusses gestellt. Hier wollen wir die technische Vernetzung der Akteure im Sinne des Patienten organisieren, die Notfallversorgung der (potentiell) pflegebedürftigen Senioren in Oberberg verbessern und die informelle Pflege – also Angehörige und Ehrenamtler – stärken. Dies könnte ein Beispiel für die Lösung der bisher teils ineffizienten, sektoral ausgerichteten Versorgung sein. Ich denke, die Rolle der Kommunen bzw. der Gebietskörperschaft wird zukünftig stärker gefordert sein. Die subsidiäre, kollegiale Zusammenarbeit in den wichtigen Themen, vom drohenden Ärztemangel bis zur Telemedizin unter Beteiligung des Kreises als Gebietskörperschaft in Kooperation mit seinen Kommunen, wird Lösungen ermöglichen.

Was macht Ihrer Meinung nach eine gute Gesundheits- und Pflegeversorgung aus?
Der Mensch muss wieder in den Mittelpunkt der Betrachtung kommen. Seine Interessen müssen vor den Partikularinteressen Einzelner Vorrang haben. In einer guten Versorgung entsteht gegenseitiges Vertrauen. Die Prozesse sind optimiert, Kümmerer sorgen für Transparenz und Zusammenarbeit. Die Wertschätzung für die am Patienten Tätigen ist hoch, die Arbeit macht Freude, füllt aus, aber überlastet nicht. Ein professionelles Miteinander entlastet das System.

Welche Chance bietet hierbei die Digitalisierung?
Der Transport von Informationen und die Geschwindigkeit der Aktualisierung sind gerade im Medizinbetrieb von großer Bedeutung. Wer will bei den vielen Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen die wichtigen Daten aktuell halten, wenn nicht ein intelligentes, offenes System, in dem immer der aktuellste Eintrag sofort verfügbar ist, wenn er geschrieben wurde. Auch die Fehler, die im Medikamentenkreislauf entstehen, können so minimiert werden. Ein intelligenter Hausnotruf kann einen alleinstehenden Menschen, z.B. im Falle eines Schlaganfalles, vor der Pflegebedürftigkeit bewahren. Die Zeit der Großfamilie ist vorbei, die Kinder sind in der Welt verstreut, wollen aber ihre Angehörigen gut und sicher versorgt wissen und informiert sein.

Inwieweit kann der Gesundheitsregion KölnBonn e.V. / die HRCB Projekt GmbH hier einen Mehrwert leisten?
Der Gesundheitsregion KölnBonn e.V. hat sich in den Jahren eine unglaubliche Kompetenz in den Themen Gesundheit und Pflege sowie technisches Know-how erarbeitet. Auch ist die Vernetzung überaus wertvoll. So konnte der Verein dem Oberbergischen Kreis z.B. die Türen zur Europäischen Union öffnen und so einen Innovationspreis für gesundes und aktives Altern nach Oberberg holen. Unsere Zukunftsfragen und unsere Lösungsansätze können wir damit sogar auf Europäischer Ebene mit anderen Ländern diskutieren. Gerade in unserem Projektantrag beim Innovationsfonds konnten wir diese Kompetenz und Vernetzung des Vereins sehr gut brauchen. Wir sind froh, Mitglied des Vereins zu sein.

 

Vielen Dank für das Interview.
Die Teams des Regionalen Innovationsnetzwerks „Gesundes Altern“/des gewi-Institut für Gesundheitswirtschaft e.V., des Gesundheitsregion KölnBonn e.V. sowie der HRCB Projekt GmbH

Go to top